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Dissertation abschreiben? - Das sind die Sanktionen

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Letztes Update am 22.10.2014, 14:16
Gibt es eine gerechte Strafe für Diebstahl an geistigem Eigentum?

Die Massenmedien vermitteln im Moment den Eindruck, dass ganz oder in Teilen abgeschriebene Dissertationen ein vordringliches Problem der aktuellen politischen Szene seien. Geklaute Gedanken, gestohlene Formulierungen, gefälschte Fakten- geliehene geistige Größe, die dem ehrgeizigen Politiker den Nimbus der Weisheit verleihen sollen. Und dieser Nimbus wiederum führt zu mehr Vertrauen in die Leistung des jeweiligen Politikers und somit, so die Rechnung, zu mehr Wählerstimmen. Kann diese Rechnung in Zeiten einer immer umfassenderen Präsenz der Medien und des Internets überhaupt noch aufgehen?

Wichige Überlegungen zum Thema

  • Zunächst ist man jedoch versucht, sich eine weitere Frage zu stellen: Sind die erwähnten Politiker als Gattung besonders gefährdet, sich durch ihr ruchloses Tun Vorteile zu verschaffen? Man ist geneigt, spontan mit "Ja" zu antworten.
  • Einmal, weil Politiker ohnehin als ein machtgieriger und daher wenig vom Gewissen geplagter Menschenschlag beurteilt oder auch vorverurteilt werden. Und dann natürlich auch, weil der Kausalzusammenhang von Doktortitel, Ansehen und Stimmenfang einleuchtend ist.
  • Man sollte aber in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass auch andere Berufszweige in hohem Maße von einem Titel profitieren: Vertreter der Wirtschaft, zum Beispiel Wissenschaftler, Diplomaten und Dozenten.
  •  Ist ernsthaft anzunehmen, dass in diesen Berufen weniger abgeschrieben wird? Wenn man davon ausgeht, dass auch hier Reputation und Titel in direktem Zusammenhang mit beruflichem Erfolg stehen, sollte man nicht davon ausgehen, dass der Anteil geringer ist.
  • Die Gier nach Erfolg ist ein menschliches Problem und nicht das Problem eines bestimmten Berufsstandes.
  • Damit nähern wir uns der Frage, wie Sanktionen aussehen und aussehen sollten, wenn ein derart eklatanter geistiger Diebstahl vorliegt, wie beim klassischen "copy and paste" von zum Teil abgeschriebenen Dissertationen.
  • Die Gesellschaft ist hier wohl zutiefst gespalten: Die einen halten das Abschreiben für eine lässliche Sünde, schließlich hat man als Schüler selbst die eine oder andere Hausaufgabe abgeschrieben oder in einer Klassenarbeit "abgespickt".
  • Die anderen, vor allem Akademiker, Erfinder und Künstler, die von ihren oft hart erarbeiteten geistigen Werken und Errungenschaften leben müssen, sehen das anders.
  • Sie sehen es so, wie es ein Hausbesitzer sieht, dem man während seines Urlaubs die Möbel entwendet hat: Als gemeinen Diebstahl.
  • Im Gegensatz zum gemeinen Diebstahl hat der Gesetzgeber allerdings nicht immer strafrechtliche Konsequenzen für den Diebstahl geistigen Eigentums vorgesehen.
  • Nicht gekennzeichnete Zitate stellen in der Regel eine Verletzung des Urheberrechts dar.
  • Im Falle einer "gestohlenen" Dissertation wird aber meist unterstellt, dass die Urheberrechtsverletzung nicht "gewerbsmäßig" begangen wurde, also nicht, um damit direkt Geld zu verdienen, und damit fallen im schlimmsten Falle lediglich Geldstrafen an.
  • Jenseits der rechtlichen Konsequenzen wird die Gesellschaft allerdings gerade wieder Zeuge dafür, dass das Gesetz besonders bei Menschen in exponierter Stellung nicht immer das einzige Recht ist, das zur Anwendung kommt: Die öffentliche Meinung, mehr oder weniger vertreten durch die Massenmedien, erzeugt Druck: Wer sich zunächst im Glanz seiner zu Unrecht erworbenen Titel öffentlich sonnen durfte, wird nun genauso öffentlich für das gebrochene Vertrauen bestraft und verliert, oft trotz großer Leistungen auf seinem oder ihrem Gebiet, nicht nur Titel, sondern auch Posten.
  • Sind diese gesellschaftlichen Sanktionen gerecht? Sie haben auf jeden Fall eine Warnfunktion.

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