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Hannah Arendt - Kurzportät

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Letztes Update am 22.10.2014, 14:31
Sie gilt außerdem als Begründerin der Politischen Theorie, einer Subdisziplin der Philosophie und der Politologie.

Hannah Arendt zählt zu den größten philosophischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, auch wenn sie selbst im legendären Interview mit dem Journalisten Günter Gaus bestritt, in den "Kreis der Philosophen" zu gehören. Sie gilt außerdem als Begründerin der Politischen Theorie, einer Subdisziplin der Philosophie und der Politologie.

Factbox

  • Arendt studierte Evangelische Theologie, obwohl sie Jüdin war
  • Arendt war zwar Zionismuskritikerin, jedoch spielte das Judentum eine große persönliche Rolle für sie. Sie bereiste schon 1935 - 2 Jahre nach der Machtergreifung und dem Beginn des antijüdischen Terrors - Palästina und setzte sich für eine konstruktive Auseinandersetzung zwischen beiden Ländern ein.
  • 2012 erschein eine Verfilmung über das Leben Hannah Arendts, der sehr umstritten ist, vielfach kritisiert wurde und doch 2013 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde.

Der Mensch in der modernen Gesellschaft

Hannah Arendt unterscheidet drei verschiedene Formen menschlicher Tätigkeit; das „Arbeiten“ bezeichnet notwendige menschliche Grundtätigkeiten, das „Herstellen“ die Schaffung einer dinglichen Welt und schlussendlich das „Handeln“, einer gemeinsamen kommunikativen Praxis, die das Wesen des Politischen ausmacht. Durch das Handeln versucht der Mensch, einen dauerhaften Raum für sich und andere zu schaffen. Das Handeln ist eine spezifisch menschliche Eigenschaft, die auch „positive Freiheit“ genannt werden kann, d.h. der Mensch besitzt die Fähigkeit, etwas „Neues“ in die Welt zu setzen und als Verursachung von Ereignissen zu fungieren. Für Hannah Arendt ist die Fähigkeit des Handelns die Voraussetzung des Politischen, das darin besteht, dass viele unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Absichten einen gemeinsamen Kommunikationsraum schaffen und ihre Absichten so koordinieren, dass letztendlich gemeinsame Entschlüsse daraus hervorgehen. Viele Sozialwissenschaftler und Philosophen sprechen daher von einer existenzialistischen Politikauffassung Hannah Arendts. Arendts These ist, dass die moderne Gesellschaft von einem Mangel an Freiheit geprägt ist und dass in der Öffentlichkeit kein Raum mehr für Handeln, sondern nur noch für das Arbeiten ist. Der Mensch wird zunehmend als bedingt und als abhängig von äußeren Faktoren verstanden und behandelt. Im gesellschaftlichen Raum wird Privates „ver-öffentlicht“, und die Gesellschaft wird als Monolith verstanden, als einheitliche Größe, in der es keinerlei Differenzierung durch Handeln gibt. Durch die personenungebundene Kontrollinstanz identifiziert Arendt die Gesellschaft als "Massengesellschaft", die u.a. dadurch entstanden ist, dass die sozialen Klassen ihren Bedeutungsgrad eingebüßt haben. Arendt geht zudem davon aus, dass sich die starke soziale Kontrolle durch das Entstehen der Massengesellschaft verschärft hat und versteht das politische Handeln als Lebensform des Menschen, zu der sie zurückzugehen auffordert.

Philosophisches Werk

Besonders bekannt ist wohl Hannah Arendts Werk "Eichmann in Jerusalem", das sie in Form von fünf Essays 1963 unter Bezugnahme auf die Frage nach der kollektiven Schuld am Holocaust veröffentlichte. In inhaltlichem Zusammenhang damit steht auch ihr Hauptwerk "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" aus dem Jahre 1955, in dem sie den nationalstaatlichen Totalitarismus des 19. Jh. auf antisemitisches Gedankengut zurückführt. "Über das Böse: Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik" ist - wie der Titel verrät - eine moralphilosophische Auseinandersetzung mit dem Bösen im Menschen, das für Arendt nicht in der menschlichen Natur angelegt ist, sondern durch einen gezielten Missbrauch der Vernunft entsteht. Die Nazibarbarei des Dritten Reiches stellt für Hannah Arendt eine Entartung des Politischen dar, das für sie mit der höchsten menschlichen Tätigkeit, dem Handeln, in einem begrifflichen Zusammenhang steht. In „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ (1961) behandelt Arendt die menschlichen Tätigkeitsformen „Arbeit“, „Herstellen“ und „Handeln“. Diese Definitionen gehen auf Aristoteles zurück, der ihr Denken stark beeinflusst hat.

Zur Person

Hannah Arendt, eigentlich Johanna Arendt, wurde 1906 als Tochter eines jüdischen, sozialdemokratisch gesinnten Ehepaares in Hannover geboren. Bereits als Kind las sie Werke von Immanuel Kant und Karl Jaspers und nahm 1924 ein Studium der Philosophie, Evangelischen Theologie und der griechischen Philologie an der Philipps-Universität zu Marburg auf. Prägend war für sie die Begegnung mit dem Philosophen und Marburger Universitätsprofessor Martin Heidegger, mit dem sie ein paar Jahre liiert war, bevor sie sich entschloss, ihr Studium bei Karl Jaspers in Heidelberg fortzusetzen. 1933 emigrierte Hannah Arendt nach Paris, da sie die Destruktivität und Menschenfeindlichkeit des nationalsozialistischen Regimes früh durchschaute. Besonders ihre jüdische Konfession bestärkte sie in ihrer distanzierten Haltung zur Propaganda des „deutschen Wesens“ und des Vorrechts der „arischen Rasse“, auf der anderen Seite stand sie dem Zionismus kritisch gegenüber, was - trotz persönlicher Betroffenheit - eine differenzierte und sachverständige Geisteshaltung verrät. 1941 verließ sie Europa, nachdem ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt und die Bezeichnung „feindliche Ausländerin“ nachgesagt wurde, und emigrierte nach New York, wo sie als Publizistin und Schriftstellerin tätig war. 1963 erhielt sie Lehraufträge an den Universitäten von Chicago und New York, wo sie bis zu ihrem Tode 1975 sozial- und politikwissenschaftliche Forschung betrieb.

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