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Sollte es Ethikunterricht statt Religionsunterricht geben?

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Letztes Update am 22.10.2014, 14:37
In unserer säkularisierten Welt hat die Religion einen immer schwereren Standpunkt.
Zwar herrscht noch ein stillschweigender Konsens darüber, dass wir in Österreich und Europa in einer christlichen Wertegemeinschaft leben, doch in unserem Alltag spiegelt sich das kaum wieder. Zudem stellen immer wieder aufgedeckte Missbrauchsskandale die Kirche, die wichtigste Institution des christlichen Glaubens, in Frage und damit auch das Christentum selbst. Im Kontext dieser Entwicklungen gewinnt die Frage an Legitimität, ob der Religionsunterricht in Schulen nicht besser durch einen allgemeinen Ethik-Unterricht ersetzt werden soll.

Urspung

Wenn man sich die Wurzeln unseres westlichen Bildungssystems anschaut - die man allgemein im Mittelalter ansetzt, als sich erste öffentliche Schulen ausbildeten - so muss man zugestehen, dass die grundlegende Idee, dass der Mensch überhaupt eine Bildung erhalten muss, aus dem christlichen Kontext stammt. Das Dogma des heiligen Geistes wurde seit jeher als Auftrag verstanden, sich mit der Welt, Gottes Schöpfung, geistig auseinanderzusetzen und dass es besser ist, sich mit seinem Geist zu identifizieren als mit seinem weltlichen Körper.
Seitdem hat sich aber natürlich einiges geändert. Mit der Aufklärung wurde zu großen Teilen das geistige und kulturelle Programm gestellt, auf das wir uns mindestens genauso sehr stützen wie auf das Christentum. Eine zentrale Idee der Aufklärung war, dass Bildung jedem Menschen zugänglich sein sollte. Diese Idee konnte natürlich nur durch den Staat ermöglicht werden. Das staatliche Schulbildungssystem ging also unmittelbar aus dem aufklärerischen Denken hervor. Gleichzeitig verfolgten die Aufklärer aber auch das Programm der Säkularisierung, d.h. der Trennung von Staat und Kirche. Der Streit, ob in der Schule der christliche Glaube vermittelt werden soll, besteht quasi seitdem. Aus der Tradition heraus (früher war das Studium der Religion ein von vielen nicht wegzudenkender Bestandteil der Bildung) nahm man den Glauben aber weiterhin in das Programm der staatlichen Schulbildung auf.

 

Entscheidungsfreiheit

Heute erscheint uns die Streitfrage aus der Aufklärung aber allein aus pragmatischen Gründen wieder relevant. In unserer modernen Zeit leben viele Einwanderer in unserem Land, die unseren christlichen Glauben nicht teilen. Die Vorstellung, dass der Staat Religionsfreiheit gewähren muss, berührt das Programm der Schule heute konkreter denn je. Besonders bestechend erscheinen die Ideen der Aufklärung auch dann, wenn man die prekäre Finanzlage unseres Bildungssystem betrachtet. Am besten käme man nämlich aus der Bredouille, wenn man Schüler vor die Wahl stellen könnte, ob sie den Ethik- oder Religionsunterricht wählen möchten. Aus Kostengründen ist dies an vielen, vor allem kleineren Schulen nicht möglich, weshalb die Überlegung, ob man den Religionsunterricht durch den Ethikunterricht ersetzten soll, überhaupt erst notwendig wurde.

 

Christliche Werte

In anderer Hinsicht könnte man aber auch sehr zu dem Eindruck kommen, dass es wichtiger denn je ist, christliche Werte und Traditionen zu vermitteln. Die zunehmende Entfremdung der Menschen von einander durch Technik, Internet und neue Medien sowie das Aufkommen von Hass und Gewalt in gesellschaftlicher und globaler Hinsicht machen die Betonung von christlichen Werten wie Nächstenliebe und Frieden dringlicher denn je. Denn anders als mittlerweile angenommen wird, ist der christliche Glaube mehr als nur eine Privatveranstaltung, die darin besteht, einen abstrakten Gott anzubeten und einmal sonntags in die Kirche zu gehen. Es wäre wünschenswert, wenn dies auf lebendige Weise im Unterricht vermittelt werden könnte - vorausgesetzt, dass dies freiwillig geschieht. Eine andere Möglichkeit bestünde darin, den christlichen Glauben auch im Ethikunterricht zu integrieren, wo er nicht vor gepriesen wird, sondern diskutiert und mit anderen Religionen verglichen wird.

 

 

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