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Mentalität und Entstehung der Ultras-Bewegung

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Letztes Update am 22.10.2014, 14:32
Was die fanatischten aller Fans kennzeichnet und wie die Bewegung entstanden ist.

Oft geschollten, aber dennoch das, was den Reiz von so manchem Fußballspiel ausmacht: Die Ultras. Diese Gruppe der fanatischten Anhänger im Profi-Fußball (und mittlerweile auch in Amateurligen und diversen anderen Sportarten) ist nicht mehr wegzudenken. Von den Medien wird in der Regel nur dann über die Ultras berichtet, wenn es zu Problemen kommt. Beschimpfungen, Ausschreitungen und unerlaubte Verwendung von bestimmten Fan-Utensilien.

 

Doch das ist nur eine Seite der Medaillie. Die Mitglieder der Ultra-Bewegung sind fußballverrückt und enthusiastisch und sorgen in den Stadien dieser Welt für Stimmung; sowohl optisch, als auch akkustisch. So unterschiedlich verschiedene Fanclubs der Ultras-Szene auch eingestellt sind. Einige Faktoren vereinen sie dann doch alle: bedingungslose Vereinstreue, Enthusiasmus, eine Vorliebe für Rivalitäten aller Art und die Eigenschaft, sich gegen jegliche Form der Repression zu wehren.

 

Allgemeine Aussagen über die Mentalität von Ultra-Fanclubs bzw. deren Mitgliedern heute zu treffen ist ansonsten gar nicht so einfach.  Vieles hängt mit der Entstehung der Ultras-Kultur in Italien zusammen. Beides wollen wir in diesem Beitrag nun näher beleuchten.

Ultras-Facts

  • Die Entstehung der Ultras-Kultur geht bis in die späten 60er-Jahre zurück. Fans in Italien gelten als echte Vorreiter der Ultras.
  • Obwohl Ultras sehr traditionsbewusst sind, hat sich Erscheinungsbild und Einstellung über die Jahrzehnte hinweg doch ziemlich verändert.
  • Ultras sind keine Hooligans. Auch wenn es immer wieder zu gewaltsamen Handlungen kommen kann, steht für die Ultras der Sport und die Unterstützung der Mannschaft im Vordergrund.
  • Freunde und Feinde: Jede Ultras-Gruppierung hat wohl ein oder mehrere erklärte Rivalen. Das kann vom Stadtrivalen bis zu historisch bedingten Rivalitäten gehen. Auch auf die Polizei ist man in der Regel nicht sehr gut zu sprechen. Andererseits werden immer wieder echte "Freundschaften" zwischen Ultras-Gruppierungen national und international geschlossen.

Die Entstehung der Ultras-Bewegung in Italien:

  • Italien hat sich in Sachen Fußball immer schon von anderen "Großmächten", wie England oder Deutschland, unterschieden. Das gilt auch für die Fans. Die italienischen Fanszenen waren schon damals sehr von der Politik geprägt, was auch direkt mit der Entstehung der Ultras in Verbindung zu bringen ist.
  • Dazu kam, dass Vereinsoffizielle von den Fans eine enthusiastischere Unterstützung forderten, um so einen "Heimvorteil" für das eigene Team herauszuholen. Die so gegründeten Fanclubs erhielten zwar Ermäßigungen und entstanden im Prinzip auf Wunsch der Vereinsbosse, sie verhielten sich aber schon immer möglichst autark.
  • 1968 wurden die "Fossa dei Leoni" (AC Mailand) gegründet. Dieser Fanclub kann als erste Ultra-Gruppierung gesehen werden. Vergleichbare Gruppierungen folgten bald später bei Inter Mailand, in Rom,  Bologna, Genua etc.
  • Im Stadion selbst wurde der Begriff "Ultras" aber erst 1971 verwendet. Und zwar von Anhängern des Clubs Sampdoria Genua. Das war aus heutiger Sicht ein echter Meilenstein und kurze Zeit später hatten alle Clubs der höchsten Liga derartige Bewegungen innerhalb der Fanszene.
  • Auffällig war, wie gesagt, damals die politische Prägung vieler Fanclubs. Obwohl die Ultras-Bewegung aus dem linksextremen Millieu stammt, gab es damals schon die unterschiedlichsten Einstellungen bei den verschiedenen Gruppierungen. Von Faschisten, über Anhänger des Königshauses, bis zu den Linksextremen war alles vertreten. Dies resultiert wohl aus der (linken) italienischen Protestkultur Ender der 60er-Jahre.
  • Obwohl man sich klar abgrenzen wollte, war die italienische Szene zu dieser Zeit stark von den englischen Fußballfans geprägt. Man konnte sich gewisse Verhaltensweisen abschauen. Diese wurden aber adaptiert und nicht direkt übernommen. Ebenso bediente man sich an Stilmitteln der angesprochenen Protestbewegung. Kommunisten hatten bei ihren Demos stets große Fahnen mitdabei...
  • Nach und nach konnte sich der Ultra-Gedanke in den Stadien Europas verbreiten und ist heute im Profi-Fußball omnipräsent.

 

Mentalität und Prinzipien der Ultras - einige Fakten:

  • Autark sein: Ultras wollen eigenständig agieren (selbst zu Auswärtsspielen fahren, eigenes Merchandising) und dafür untereinander zusammenarbeiten. 
  • Gruppenzusammenhalt: Die Ultras - zumindest der harte Kern - sind in der Regel auch abseits des Fußballplatzes bestens befreundet. Dort werden auch gemeinsam Choreographien für die Fankurve geplant und umgesetzt.
  • Immer und überall: Für den harten Kern der Ultras ist es selbstverständlich, zu jedem Spiel der eigenen Mannschaft zu reisen. Egal wann, egal wo, egal um wie viel es geht.
  • Präsenz zeigen: Durch stimmliche und optische Präsenz soll der eigene Verein unterstützt, die Meinung kundgegeben und der Gegner demoralisiert werden. Es kommen Fanschals, Doppelhalter, Fahnen, Trommeln, Spruchbänder, pyrotechnische Artikel und vieles mehr zum Einsatz. Das Herzstück eines Ultra-Fanclubs ist oft eine Zaunfahne, die bei jedem Spiel montiert wird. Wird diese "erobert" muss sich die betreffende Gruppe auflösen; dies besagt ein ungerschriebenes Gesetz in der Szene.
  • Pro Tradition: Ultras sind üblicherweise sehr traditionsbewusst und richten sich gegen die Kommerzialisierung des Fußballs. Inflationär getätigte Spielertransfers und Sponsorenverträge in Millionenhöhe sind den Fans ein Dorn im Auge. Eine Unterstützung der Sponsoren wird strikt abgelehnt.
  • Der Faktor Politik: Während heute viele Ultras-Gruppierungen betont unpolitisch auftreten gibt es hier auch das genau Gegenteil. Um in Italien zu bleiben - die Fans von Lazio und Inter gelten als rechts, während beispielsweise die Szene in Livorno von linken Anhängern dominiert wird. Bei den jüngsten Protesten am Taksim-Platz in der Türkei kämpften Ultra-Fangruppen großer Istanbuler Vereine gemeinsam an forderster Front.
  • Gegen Repressionen: Ultras wehren sich gegen die zunehmende Einschränkung der Rechte von Fußballfans. Da Fußball immer mehr zum Fernsehsport mutiert sehen die Ultras das Stadionerlebnis in Gefahr. Die diesbezügliche Wut richtet sich meistens gegen die Polizei bzw. die nationalen und internationalen Verbände.

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