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Politische Spannung in Sotschi: Wie wahrscheinlich ist der Boykott

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Letztes Update am 22.10.2014, 14:34
Politische Spannung in Sotschi: Wie wahrscheinlich ist der Boykott?

Die 22. Olympischen Winterspiele finden in diesem Jahr in Sotschi statt. Schon im Vorfeld wurde diese Entscheidung heftig kritisiert, gilt doch Russland nicht gerade als ein Musterbeispiel für Demokratie. Doch wie sieht es tatsächlich aus. Muss man in diesem Jahr mit einem Boykott der Spiele rechnen? Fakt ist, schon seit der Ernennung zum Austragungsort, gab es politische Spannungen in Sotschi, welche sich bis zum Ende der Spiele sicherlich nicht legen werden.

3>Die Verhältnisse vor Ort

Sotschi liegt direkt am Schwarzen Meer und gehört mit seinem gemäßigten Klima bereits zu den Subtropen. Die Stadt wirkt auf Besucher meist anheimelnd und die Landschaft ist von beeindruckender Schönheit. Doch im Vorfeld der Olympischen Winterspiele rumort es hinter den Kulissen und das führt immer wieder zu politischen Spannungen. Dies alles begann bereits mit den Bauarbeiten zum Olympiapark. Human Rights Watch berichtete bereits im Jahre 2013 über sehr schlechte Bedingungen auf den Baustellen. So wurden etwa Pässe von Gastarbeitern einbehalten und auch der Lohn wurde nur in unregelmäßigen Abständen oder nicht gezahlt. Hinzu kommt die sehr ausgeprägte Abschiebementalität der Behörden vor Ort. So tätigte etwa der damalige Gouverneur Alexander Tkatschow Aussagen, welche zu weltweiten Kritiken führten. In seinen eigenen Worten ließ er verlauten: „Polizei, freiwillige Helfer und Ausländerbehörden sorgen dafür, dass niemand in Sotschi bleibt. Unsere Brigaden werden die Straßen säubern. Ich fordere: Keine Gnade!“
 

Vertreibung nicht vergessen

Schon zur Ernennung als Austragungsort der Spiele, wurden die Rufe nach einem Boykott immer lauter. Das Internationale Komitee der Tscherkessen griff diese Diskussion auf, und kritisierte aufs Heftigste diese Entscheidung. Im Jahre 1864, während des Kaukasuskrieges, wurden die Tscherkessen zusammen mit den Ubychen vollständig aus dieser Region vertrieben. Gerade die letzte Schlacht dieses Krieges, welche oberhalb von Sotschi ausgetragen wurde, wird von vielen Tscherkessen als Genozid bezeichnet. Während der Bauarbeiten zum Olympiapark, wurde zudem ein Massengrab entdeckt, welches wohl ein Überbleibsel des damaligen Gemetzels ist.
 

Homosexuelle Propaganda verboten

Die russische Staatsführung sorgte erst kürzlich für einen weiteren Affront und heizte damit die politische Spannung in Sotschi weiter an, indem 2013 ein Gesetz erlassen wurde, welches die Propaganda der Homosexualität in Anwesenheit von Kindern oder Minderjährigen untersagt. Da man dieses Gesetzeswerk völlig frei auslegen kann, wird bezweifelt, dass es sich dabei nur um einen Schutz für die Jugend handelt, sondern dass es im Allgemeinen die Homosexuellen Russlands brandmarken soll. Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland forderte daher die deutsche Olympiamannschaft auf, ein Zeichen zu setzen und die Spiele zu boykottieren.
 

Boykottaufrufe aus aller Welt

Gerade in den letzten Monaten vor den Spielen, ertönten von prominenter Seite, darunter auch die bekannte Popmusikerin Lady Gaga, immer mehr öffentliche Aufrufe zum Boykott. Aber auch Mitglieder der EU-Kommission und hochrangige deutsche Politiker, darunter Bundespräsident Joachim Gauck, kündigten an, den Spielen fern zu bleiben. Der französische Präsident François Hollande schloss sich, wie viele seiner Amtskollegen aus aller Welt, ebenfalls dem Boykott an. Russland sei kein demokratisches Land, so auch die Vorwürfe der Menschen aus vielen Länden. In wie weit sich dieser Umstand auf die Spiele auswirken wird, kann jetzt noch nicht gesagt werden, auf alle Fälle werden diese davon schwer überschattet. Trotzdem sind viele der Ansicht, dass man den Sportlern viel Glück wünschen sollte, denn Politik hat bei den Spielen direkt nichts zu suchen, und man sollte sie auch nicht für diesen Zweck gänzlich instrumentalisieren. Die politischen Spannungen in Sotschi werden aller Wahrscheinlichkeit nach weiter anhalten.

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